Frankreichs Atlantikküste

Guido ist ein regelmäßiger Gast auf dem Holzpiratenfestival und hat uns schon öfters mit Fotos von seinen unglaublichen Reisen im Holzpirat begeistert. Er geht dort Wandersegeln, wo wir alle nicht im Traum auf die Idee kommen würden. Unvergessen die Reise in Venedig oder auf Sardinien. Heute geht es auf eine kleine Atlantikfahrt die er sogar schon zweimal (2012 und 2016) absolviert hat zusammen mit Tim. Vielen Dank, Guido!!!

Bretagne – von den Fetes Maritimes in Brest zur Temps Fete Douarnenez

Malte erinnert mich per Email, daß ich doch noch Bilder von Piraten im Atlantik beisteuern wollte – die Anregung nehme ich nur zu dankbar auf, in den alten Fotos zu wühlen und auf die nächste Temps Fete in Douarnenez 2022 zu hoffen! Tim hatte vor Jahren schon die kleinen beschrifteten Karten vorbereitet (bezogen auf die Reise 2012), wahrscheinlich für eine Diashow beim Holzpiratenfestival, das macht es mir noch leichter.

Die Stadt Brest


Die Hafenstadt Brest in der Bretagne, Partnerstadt von Kiel und ähnlich groß,
richtet alle vier Jahre ein riesiges maritimes Fest aus, mit über 1000 historischen Schiffen und Booten, und einem großen Volksfest- und Musikprogramm im Hafengelände. 2020 fiel das natürlich aus bekannten Gründen aus, aber 2012 und 2016 waren wir mit Tims „Gwenanen“ Holzpiraten und meinem „Tigger“ Holzpiraten dort.

Alle zwei Jahre richtet die viel kleinere Stadt Douarnenez (ca. 15.000 EW.), ca. 75 Straßenkilometer und kaum weniger Seestrecke entfernt, ebenfalls ein mehrtägiges Hafenfest aus. Jedes zweite Fest ist koordiniert mit Brest: nach dem Abschlußfeuerwerk am Mittwochabend segelt ein Großteil der Schiffe über den ganzen Donnerstag von Brest nach Douarnenez, um dort weiterzufeiern. Wir waren dabei!

Als Eigner eines klassischen Schiffes oder Bootes kann man sich anmelden und wird dann von der Organisation eingeladen. Beim Briefing bekommt man Unterlagen, Infos zum Liegeplatz, Crewbändsel für den freien Eintritt aufs Hafengelände und ein kleines Willkommensgeschenk.

Die großen Schiffe bekommen von der Stadt das Geld und müssen sich dafür zu den Gästefahrten verpflichten, die Gäste zahlen an die Stadt und werden praktisch auf die Schiffe verteilt. Dadurch liegt das wirtschaftliche Risiko nicht bei den Skippern, das macht die Anreise für die Traditionssegler attraktiv (das gilt zumindest für Brest).
Wir kleinen Boote sind nur Gäste ohne Verpflichtungen, zuständig für das bunte Lokalkolorit! Die Tagesgäste im Hafen müssen Eintritt zahlen, deshalb sind die Crewbändsel so wichtig.

Die Fotos sind hauptsächlich von der Reise 2012, einige Bilder von 2016 habe ich eingefügt, wenn sie mir schöner erschienen – hoffentlich gibt´s nicht zuviel chronologische Verwirrung 😉

Der erste Teil zeigt die Atmosphäre der Fete in Brest, das Umhersegeln im Hafen und in der Rade de Brest bei ziemlich gemischtem Wetter – spannend der Besuch der Flußmündung unter der alten Festung, das ist z.T. heute noch militärisches Gelände und wird nachts abgesperrt.

Interessant auch die Begegnungen: Wir haben die „Ostseeprinzessin“ Merle Ibach getroffen und auf ihrer Little My (eine 8,5m „Ecume de Mer“) besucht, und sind dabei über die innen am Steg liegende legendäre Stahlketch Joshua von Bernard Moitessier gestiegen; und einmal habe ich Tigger neben einem Holzpiraten namens „Spielerei“ von Henry aus Flandern festgebunden, der sein Boot, inspiriert von www.holzpirat.org, mit Cockpitabdeckung, fest eingebautem Kompaß, Außenbordertank usw. richtig tourentauglich gemacht hat. Besonders die Abdeckung hat mich zum Nachdenken gebracht, spätestens als ich sie auf der Überfahrt nach Douarnenez 2016 schmerzlichst vermisste!

Die Überfahrt


Der zweite Teil zeigt die Überfahrt von Brest nach Douarnenez. Das ist natürlich eigentlich nichts für Piraten, aber wir hofften auf den Pulk von vielen anderen Booten als Absicherung.

Hier die Segelroute mit dynamischer Anzeige (full screen)

2012 ging es bei bedrohlich düsterem Wetter los. Wir verabredeten, erst mal die Nase aus der Rade de Brest herauszustrecken und die Situation abzuschätzen, um dann erst zu entscheiden, ob wir weiterfahren oder zurücksegeln wollten. Am späten Vormittag riß dann der Himmel auf, wir konnten etwas abfallen und Segel setzen und sind die Strecke mit vielleicht 3 – 4 Bft, aber ordentlicher Dünung, halbwinds und zunehmend raumschots in ca. 7 Stunden durchgerauscht.

2016 dagegen fuhren wir extra früh bei Windstille und gleißender Sonne unter Motor los. Wir konnten dann vor der Küste auch langsam segeln, haben uns zeitweise wieder unter Motor in Schlepp genommen (um Zeit und Sprit zu sparen) – aber dann: Passend beim Runden des Cap de la Chevre erhob sich eine heftige Regenbö aus Ost, also ablandig! Auf einmal hatten wir bis zu 6 Bft. gegenan, und in der gut 25 km breiten Bucht von Douarnenez baute sich auch gleich eine schöne Welle auf. Ich habe gerade noch geschafft, die Fock wegzunehmen, aber nicht mehr, meine Sonnenbrille abzusetzen, dadurch wirkte die Szenerie noch düsterer und bedrohlicher.

Ich habe verzweifelt versucht, mit dem weit voraussegelnden Tim schrittzuhalten, natürlich konnte ich ohne Fock bei der Welle kaum Höhe machen und nahm ordentlich Wasser über, und die anderen Boote schienen auf einmal unendlich weit weg… und ich hatte keinen Plan B!

Nach zwei Stunden Kampf war die Bö durch, die Nachmittagssonne schien auf das Cap de la Chevre, und wir hatten keine Meile Luv gemacht. Da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren:

Wir hätten uns einfach in Lee des Cap de la Chevre legen sollen, abwarten und picknicken, und falls der Wind nicht abgeflaut wäre, hätten wir dort auch einen Strand zum rettenden Anlanden gefunden. Die Lehren fürs nächste Mal: Vorher die Karte nach „Notlandeplätzen“ absuchen, eine Abdeckung fürs Vorderschiff wie auf der „Spielerei“ bauen (Persenning auf Bügeln?), und eine PMR-Handfunke mitnehmen, um sich mit dem anderen Boot zum Unterkriechen verabreden zu können!

Nach diesem Schrecken, schon nach 16 Uhr, ging es dann mit schwächelnden und umlaufenden Winden auf die letzte Etappe in die Bucht von Douarnenez, noch weitere ca. 15 Seemeilen. Da waren die Außenborder wieder eine wertvolle Hilfe. Angelandet sind wir dann im Tidenhafen erst gegen halb 9 abends, nach gut 11-stündigem Törn sehnsüchtig von der „Bodenmannschaft“ erwartet.

Während des Kämpfchens mit der Regenbö konnten wir weit weit außerhalb in Lee (also noch viel weiter von der Küste weg!), grade noch sichtbar, einen winzigen Mast ausmachen: Das war eines der traditionellen V-Spant-Böötchen mit Luggersegel, kaum länger als 4 m, und natürlich ohne Motor… um den hatte ich richtig Angst! Ich konnte ihm nicht helfen, weil das Motoren gegen die Welle unmöglich gewesen wäre, mit oder ohne Boot im Schlepp…

Später hörten wir, daß gegen halb 12 nachts mitten in der Bucht von Douarnenez jemand rot geschossen hat und dann von einem Schlauchboot eingeschleppt wurde. Das wird dieses Böötchen gewesen sein, noch tapfer die halbe Nacht gekämpft, um dann zu merken, daß ihn der Ebbstrom wieder seewärts treibt… da kamen uns unsere nassen Hintern wieder ganz harmlos vor.

Die Stadt Douarnenez


Das ist ein beschauliches, kaum touristisch „aufgekitschtes“ Städtchen mit zwei Häfen:
Der eine Hafen wird durch den Fluß gebildet, welcher bei Ebbe durch eine Schleuse gestaut bleibt, daß die dort liegenden Schiffe nicht trockenfallen; der andere Hafen ist größer und ein Tidenhafen. Die Fotos sind von dort, die Tide von 3-4 Metern macht das Anlegen an der sehr hohen Hafenmole interessant! Wir haben einiges versucht, die Leinen gespannt zu halten (Heckleine an der Bojenleine, und die Bugleine durch einen Eisenring an der Mole geführt und mit dem 6kg-Anker beschwert… hat nicht soo gut funktioniert…)

Gelegentlich haben wir uns einfach ins Bojenfeld gelegt und sind mit dem als „Beiboot“ mitgeführtem 5,5 m Pouch-Faltboot an Land gepaddelt.

Die eingeladenen „Equipages“ können auf dem städtischen Sportplatz campieren, mit einfachen sanitären Anlagen, gut einen Kilometer Spaziergang von den Häfen entfernt.

Nach dem lauten, anstrengenden Großstadtbetrieb in Brest stellt sich hier dagegen ein richtiges entspanntes Urlaubsgefühl ein – es gibt hübsche kleine Sandstrände für das „touristische Rahmenprogramm“, und es ist einfach schön, in den trockengefallenen Booten eine kleine Reparatur zu leimen und dann mit bretonischem Bier auf die Flut zu warten, um wieder aufzuschwimmen und in der Bucht herumzusegeln… Tim drehte Kreise um die stolze La Recouvrance und freute sich so darüber, daß er es auf der Karte vermerkte… warum habe ich davon kein Bild?!

Auf jeden Fall rüsten wir uns für die nächste „Temps Fete“ im Juli 2022, hoffentlich haben wir dann von Omikron bis Omega alles durch!

Bis zum nächsten 2022er Holzpiratenfestival in Brandenburg!

Vielen Dank, Guido, für diesen tollen Bericht!
Wie schon erwähnt war Guido mit dem Holzpiraten auch schon in Venedig und auf Sardinien segeln.
Bitte hinterlasse gerne einen Kommentar.
Guido freut sich sicherlich darüber 🙂

2 Gedanken zu „Frankreichs Atlantikküste

  1. Hoi Guido,
    Gratulation, das war ja eine tolle Reise und für einen „kleinen Pirat“ ein grosses Abenteuer. Ich bin mit meinem Pirat immer im Süsswasser geblieben. Danke, dass du uns an deinem Segeltörn im Nord-Atlantischen Ozean hast teilnehmen lassen.
    Mast und Schotbruch!
    Rolf – Pirat SUI-534

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